Was bedeutet Harninkontinenz?
Harninkontinenz ist der unwillkürliche Verlust von Urin.
Die Betroffenen verlieren Harn, was zu vielfältigen Problemen führt. Nicht nur dass die Unterwäsche nass wird belastet sehr - das Gefühl andere Menschen könnten es bemerken führt zu großen Problemen. Sie vermeiden Inkontinenz - auslösende Situationen wie körperliche Aktivitäten oder ziehen sich aus der Öffentlichkeit oder dem Freundeskreis zurück, was zur sozialen Isolation führt.
In Österreich sind ca. 600 000 Frauen und Männer davon betroffen,wobei die Zahl im Steigen begriffen ist. Aus diesem Grund wurde bereits vor Jahren an der Urologie im LKH Vöcklabruck eine Spezialambulanz (Inkontinenzambulanz) eingerichtet.
Einteilung der Harninkontinenz
Weil beim Harnverlust verschiedene Ursachen zugrund liegen können hat die International Continence Society (ICS) 1978 diese Erkrankung in fünf verschiedene Formen eingeteilt.
- Belastungsinkontinenz (engl. Stress - incontinence)
- Dranginkontinenz (engl. Urge - incontinence)
- Überlaufinkontinenz
- Reflexinkontinenz
- extraurethrale Inkontinenz
Die beiden ersten sind mit Abstand die häufigsten Formen und machen zusammen (auch als Mischform) 60 – 80 % der Harninkontinenz aus.
1. Belastungsinkontinenz
Husten, Niesen, Lachen oder Belastungen wie Stiegensteigen, Sport und andere führen zum Harnverlust. Ursache ist ein insuffizienter Verschlussmechanismus der Harnröhre. Vereinfacht gesagt ist der Schließmuskel, ein Teil des Beckenbodens, zu schwach.
Betroffen sind beide Geschlechter - Frauen und Männer. Bei Frauen mitverantwortlich sind Geburten, Übergewicht und fehlendes Training der Muskulatur. Bei Männer kommt diese Form des Harnverlustes meist als Folge von Operationen an der Vorsteherdrüse (Prostata) vor.
Die beste Vorbeugung ist das frühzeitige Training der Muskulatur („Beckenbodentraining“) und die Vermeidung von Übergewicht.
Die Therapie gliedert sich in nicht-operative (konservative) und operative Maßnahmen.
Konservative Therapie:
- Hilfsmittelversorgung („Einlagen oder Vorlagen“) nach Beratung
- Training der Muskulatur unter fachlicher Anleitung („Beckenbodentraining“)
- Elektrotherapie (Reizung der Muskulatur über vaginale / rektale Elektroden)
- Biofeedback
- Medikamente (ein neues Medikament wird in Österreich in Kürze zugelassen)
Bei entsprechender fachlicher Betreuung - an der Urologie im LKH Vöcklabruck steht dafür eine Inkontinenzschwester mit einer Spezialausbildung zur Verfügung.
Operative Therapie:
- „TVT“ Implantation eines Bandes unter die Harnröhre (suburethral) (Abb. 1)
- ACT bei der Frau, ProACT beim Mann (adjustierbares Ballonsystem) (Abb. 2)
- Artifizieller Sphinkter (künstlicher Schließmuskel) (Abb. 3 und 4).
Bei Versagen der konservativen Maßnahmen kommen verschiedene Operationen zum Einsatz. Heute haben minimalinvasive Verfahren größere Abdominaloperationen fast vollständig verdrängt.
„TVT“ ( tension free vaginal tape)
Die Implantation eines suburethralen Bandes bei der Frau („TVT“) (Abb. 1) ist ein Verfahren das nunmehr seit 5 Jahren an der Abteilung für Urologie in Vöcklabruck durchgeführt wird. Mit 3 Schnitten die jeder weniger als 1 Zentimeter messen wird ein Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt und unterstützt damit den insuffizienten Schließmuskel, sodass die Kontinenz wiederhergestellt wird.
ProACT / ACT (postoperative adjustable continence therapy)
Bei speziellen Situationen der weiblichen Belastungsinkontinenz (Rezidive etc.) wird ein aus 2 Ballonen bestehendes System (ACT) von der Scheide aus eingesetzt (Abb. 2). Beim Mann (ProACT) kommt dieses Verfahren meist als erste operative Maßnahme bei der Belastungsinkontinenz nach Prostataoperationen zum Einsatz.. Die beiden Ballone bei ACT oder ProACT werden über 2 je 1 Zentimeter lange Hauschnitte neben die Urethra (Harnröhre) eingebracht und können dann später ambulant je nach Bedarf weiter aufgefüllt werden bis der unwillkürliche Harnverlust verschwunden ist.
Künstlicher Schließmuskel (Artifizieller Sphinkter)
Wenn sozusagen nichts Anderes mehr hilft wird bei der Frau oder beim Mann ein artifizieller Sphinkter (künstlicher Schließmuskel) (Abb. 3 und 4). implantiert. Dabei kann der Patient mit Hilfe einer winzigen Pumpe (die bei der Frau in den Schamlippen, beim Mann im Hodensack eingesetzt) den künstlichen Schließmuskel bei Bedarf - also zum Urinieren- öffnen. Vorteil dieses Verfahrens ist, dass eine Belastungsinkontinenz fast immer heilbar ist. Nachteile sind die auf einige Jahre begrenzte Haltbarkeit dieses hydraulischen Systems und die notwendige aktive Betätigung durch den Patienten, die eine gewisse Handfunktion und Kooperationsbereitschaft des Betroffenen voraussetzt.
2. Dranginkontinenz
Häufiger und oft quälender Drang zum Urinieren mit Harnverlust vor Erreichen der Toilette wird als Dranginkontinenz bezeichnet. Im Volksmund wird dieser Zustand auch als „Reizblase“ bezeichnet.
Auch hier gliedert sich die Therapie gliedert sich in nicht-operative (konservative) und operative Maßnahmen.
Konservative Therapie:
- Verhaltens- und Toilettentraining (zur Erhöhung der Blasenkapazität)
- Vermeidung auslösender Medikamente (z.B. Diuretika)
- Kneif- und Entspannungsübungen für den Beckenboden
- Elektrostimulationstherapie durch Elektroden ( Penis, Vagina, rektal, Clitoris) – als Heim/Selbsttherapie
- Medikamente zur Dämpfung des Blasenmuskels (Spasmolytika /Anticholinergika)
- bei der Frau zusätzlich Hormone (Östrogene)
Bei Versagen der genannten Verfahren kommen verschiedene Operationen zum Einsatz.
Operative Therapie:
- Elektrische Neurostimulation durch Stimulation der Sakralnerven
- Injektion von Neurotoxin in die Blase (Botulinumtoxin)
- Blasenoperationen (Augmentation, Denervierungsverfahren, Blasenentfernung)
Grosse Operationen (bis hin zur vollständigen Entfernung der Harnblase) sind heute nur mehr sehr selten notwendig.
Elektrische Neurostimulation durch Stimulation der Sakralnerven
Seit Kurzem steht eine Methode zur direkten Beeinflussung der Blasennerven zur Verfügung (sakrale elektrische Neuromodulation) [Abb. 5 und 6]. die an der Abteilung für Urologie im LKH Vöcklabruck seit 2003 durchgeführt wird. Dabei wird in einer Testphase (PNE = perkutane Nervenevaluation) mittels Drahtelektroden, die vom Rücken durch das Kreuzbein an die entsprechenden Nerven gebracht werden, geprüft ob der Patient (Frau oder Mann) davon profitiert. Bei Erfolg dieser Testphase wird eine entsprechende Elektrode mit einem permanenten Generator („Schrittmacher“) implantiert. Das ganze System ist dabei unter der Haut – also unsichtbar eingesetzt. Eine Veränderung der Stromstärke ist durch den Patienten selbst mit einer Art Fernsteuerung möglich.
Injektion von Neurotoxin in die Blase (Botulinumtoxin)
Ein neues Verfahren bei sonst therapierefraktärer Dranginkontinenz stellt die Injektion von Neurotoxin in die Harnblase dar. Damit kann der Blasenmuskel für 3 – 9 Monate gelähmt werden. Der quälende Harndrang wird beseitigt, meist ist jedoch ein (Selbst-) Katheterismus zur Entleerung der Blase notwendig.
Zusammenfassung
Die Heilung dieses Leidens, das oft jahrelang besteht, setzt eine genaue Abklärung und eine individuelle Therapieplanung voraus. Eine aktive Mitarbeit der Betroffenen ist vor allem bei den konservativen Maßnahmen unumgänglich. Eine Operation ist nicht immer notwendig, kann aber mit den oben dargestellten minimal - invasiven Verfahren fast allen Patienten angeboten werden. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass 80 – 90 % der Harninkontinenten wieder kontinent – also trocken - werden.

Abb. 1: Quelle: Fa. AMS, Suburethralband

Abb. 2: Quelle: Fa. AMS, ACT /ProACT

Abb. 3: Quelle Fa. AMS, AMS 800

Abb.4 : Quelle Fa. AMS, AMS 800

Abb. 5: Quelle Fa. Medtronic, Sakralwurzelstimulation (Testung)

Abb. 6: Quelle Fa. Medtronic, Sakralwurzelstimulation (Implantation)